Monika Bertermann: Landeplaetze

Die Bilder und Zeichnungen sind Einladungen sich flach auf den Boden zu legen und im Massstabslosen unterzugehen, im Detail wie es uns das Mikroskop beschert hat oder sich zu erheben und zu schweben ueber der Landschaft mit dem abgekoppelten Auge einer Drohne. Diese Bilder sind nicht gegenstandslos, auch wenn sie in ihren Verhuellungen und palimpsestartigen Schichtungen damit spielen. Sie sind vor allem Erkundungen in die Textur und generalisieren wie Uebersichtskarten. Sie lieben die lebendigen Oberflaechenstrukturen im Mikrobereich, von unten her gemalt aus sich ueberlagernden Arbeitsschritten, deren Grund eine Struktur herstellt, die ich die Zeichnung nenne. Sie verbindet die Objekte miteinander und versucht ueber eine rekonstruierte emotionale Zuordnung, einen Zeitaspekt im Schauen zu erzeugen, der dem natuerlichen Alterungsprozess proportional ist, der einer homogenen industriellen Flaeche eine lebendige Struktur zuweist. So lange moechte man schauen. Bis eben diese Zeichnung entsteht.
Ganz besonders kommt dieses Interesse an Strukturen und Zeitlichkeit in den Strassenhaeutenbildern zum Vorschein. Risse Schrunden und die Aura von Vergangenem atmen durch die, mir die Massstaeblichkeit verleugnenden Aufrisse. Die die Zeichnung ja schon sind, so sieht Monika Bertermann diese Strukturen fuer uns, die das Grau austraegt. Diese Bilder verlassen also nicht den Bereich der Raumwahrnehmung, aber sie muessen nicht mehr dem Paradigma des Sichtbaren im Fenster folgen. Sie stossen den Betrachter an undurchdringliche Waende der Wahrnehmung.
Dreierlei Sichten auf die plane Flaeche des Malgrundes wirken bilderzeugend:
1 Eine Aufsicht in Vogelperspektive zeigt emotional aufgeladene komplizierte Topographien des Schauens. Einen Lageplan der Farbwichtungen. Eine Top View der Farbkraefte, die wirken.
2 Der Aufriss vor eine Fensterspiegelung sagt uns noch einmal den Kampf von den Paradigmen der Abbildung im Bild: die Transparenz des Fensters streitet sich mit der Opazitaet der Mauer.
3 Die dritte Art der Bildfindung ist eine intellektuelle Komposition des Ortsgeschehens, welche die vorhanden Dinge miteinander in einen konstruktiven Bezug bringt und die Essenz des Ortes findet. Hier gelingen Zusammenfassungen Resuemees dessen, was anwesend ist fuer den Moment der konzentrierten kuenstlerischen Wahrnehmung. Poetische Notate entstehen.
Die Arbeiten Monika Bertermanns fuehren uns vor: das visuelle Betrachten ist immer ein Stueckwerk, ein zerstueckeltes fragmentarisches Sehen, das aus unserer Rekonstruktion lebt und uns das sehen laesst, was wir kennen. Im Gegensatz zum akustischen Raumeindruck, der immer ganz ist. Und der ihre Arbeiten so haeufig entzuendet, wie uns ihre Bildtitel haeufig erzaehlen. Monika Bertermanns konstruktive Intelligenz entzuendete sich zunaechst am Plastischen; Tonarbeiten und Holzskulpturen zeigen ihr den Raum des Optischen und die Schoenheit der dem Material innewohnenden Zeichnung. Ihre Bilder auf sperrigen Holzbohlen zeigen diesen Uebergang. Und Zeichnung ist ueberall, wo Struktur gegen das Amorphe der reinen Flaeche triumphiert. Ihre Bilder sind Kaempfe, sind Topographien die unsichtbaren Relationen aufzeigen, wie Bilder seit alters her, diese Relationen aufzeigten. Nur sind uns die Dinge zu Gegenstaenden verbraucht und zeigen sich seltener im hergestellten Bild vor und sagen selten etwas mehr von dem magischen Resten der Bilderfindung, die die Maler fuer uns tun. Dabei gehen ihre Bilder auf in eine Distanz, die einer Verwirrung im Sehen entspricht; sie folgen einer Farblogik der entfernten Farben. Alles ist gleich weit weg und von uns weg gerueckt. Dies Bilder sind Landeplaetze fuer uns. Wir koennen sie fast hoeren.

Silke Peters (Autorin), 2012